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24.09. - 25.09.2016 - "Visionen für Europa"

Europa ist in einer schlechten Verfassung. Die Fliehkräfte im Bündnis nehmen zu. Erosionserscheinungen des Einigungsprozesses sind unübersehbar: der Brexit, die Forderung des luxemburgischen Außenministers Jean Asselborn, Ungarn aus der EU auszuschließen, die antidemokratischen Vorgänge in Polen und Ungarn, zunehmender Rechtsextremismus und –populismus. Die Liste wäre verlängerbar. Wie geht es weiter mit Europa? Das war die zentrale Frage einer Tagung in München in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, der Akademie für Politische Bildung und dem Landesverband Bayern der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung.

 

„Europa leidet an einem Multiorganversagen“, sagte der Leiter der Europäischen Akademie Berlin, Eckart Stratenschulte. Er sieht derzeit keinen gemeinsamen Willen, die vielfältigen anstehenden Probleme gemeinsam zu lösen und diagnostiziert eine weitgehende Paralyse der EU: „Offenbar wissen wir nicht mehr, was wir nach 60 Jahren Erfolgsgeschichte der europäischen Einheit und Friedenssicherung miteinander anfangen sollen. Die großen Probleme der Nachkriegszeit sind in den Augen vieler Bürger vermeintlich gelöst.“ Auf der anderen Seite könne das Wohlstandsversprechen nicht mehr eingelöst werden: „Manche haben das Gefühl, dass es ihnen wegen der EU schlechter geht.“ Mit dem Euro sei eine Fahrt bei schönem Wetter versprochen worden, aber als es anfing zu regnen, wollten viele wieder aussteigen aus dem gemeinsamen Zug und wieder zurückfahren.

 

Stratenschulte sieht eine EU „der konzentrischen Kreise“ als Lösung der Zukunft: „Wir brauchen ein Kern-Europa mit Partnern, die was Gemeinsames wollen.“ Deswegen sieht er auch den Brexit eher als Chance: „Besser sind Partner, die kooperieren, als die, die ständig auf der Bremse stehen.“

 

Mit dem Brexit beschäftigte sich auch Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Für sie ist das britische Referendum ein Ausdruck des Aufstands Englands gegen London. Angesichts der Grundsätze der britischen Parlamentssouveränität wundere man sich, dass es überhaupt so lange gut ging mit Großbritannien in der EU: „Das Common Law passt nicht zur EU, in der das europäische Recht den Vorrang hat.“ Am Beispiel der Forschungspolitik verdeutlichte Münch die Folgen des Brexit. Mit 4,9 Milliarden Euro im Haushaltsjahr 2014 war das Vereinigte Königreich drittgrößter Nettozahler der EU. Wenn jetzt diese Beiträge wegfallen, bedeute das unweigerlich Mehrbelastungen der anderen Nettozahler oder Sparmaßnahmen.

Innerhalb der EU würden sich die politischen Gewichte und Prioritäten verschieben und das Stimmengewicht Deutschlands und anderer stärker werden.

 

Münch sieht schwierige und langwierige Austrittsverhandlungen auf die Briten und die EU zukommen. Sie müssen mit allen Mitgliedsländern und auch anderen Handelspartnern der EU geführt werden. Die Liste der offenen Fragen sei lang und noch vieles ungeklärt.

 

EA Bayern Kuratoriumsmitglied Gisela Müller-Brandeck-Bocquet befürchtet keinen Dominoeffekt durch den Brexit. Die sich jetzt abzeichnenden komplizierten und langwierigen Verhandlungen und der Schreck über die Folgen lasse mögliche Nachahmer zögern. Die Politikwissenschaftlerin an der Universität Würzburg sieht allerdings fallende Zustimmung und steigende Skepsis gegenüber der europäischen Integration und den EU-Institutionen. Schuld seien auch die nationalen Regierungen: „Wenn etwas gut läuft, waren wir es. Wenn etwas schiefgeht, war es die EU.“ Dieses „Schwarze-Peter-Spiel“ gebe es seit Jahren. Die Wirkung bleibe nicht aus. Rechtspopulismus und –extremismus seien in vielen Ländern auf dem Vormarsch: „Diese Infektionskrankheit breitet sich aus.“ Populismus, Nationalismus und Autoritarismus hätten neuerdings wieder Konjunktur in Europa.

Die Staaten Europas müssten aber kooperieren, wenn sie noch eine Stimme in der Welt haben wollen. Welthandel, Klimaschutz und Sicherung des Friedens – all das sei nur gemeinsam, nicht im Alleingang erreichbar. Wohlstand sei nur durch einen funktionierenden Binnenmarkt zu sichern. „Wir haben keine Wahl. Zu einem einigen Europa gibt es keine Alternative.“

12.09.2016 - "Brexit – und nun? Folgen für die EU und Deutschland"

Am 12. September fand unsere Podiumsveranstaltung mit dem Titel „Brexit – und nun? Folgen für die EU und Deutschland“ in der Europa-Lounge der Gasteig-Bibliothek in München statt. Trotz traumhaften Wetters waren nahezu alle Plätze im Publikum belegt. Das rege Interesse der Bürgerinnen und Bürger zeigt die Vehemenz des Problems. Die Diskutanten auf dem Podium konnten viele interessante Einblicke in die Problematik geben und auf Fragen und Sorgen der Zuhörer eingehen.

 

 

Mit dabei waren:
Prof. Dr. Melanie Sully, Leiterin der in Wien ansässigen Nichtregierungsorganisation Go-Governance, Ihres Zeichens Expertin für Demokratieentwicklung in Europa.
Daniel Brössler, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und seit 2014 EU-Korrespondent in Brüssel. Moderiert wurde die Diskussion von Gerahrd Losher, Leiter der Redaktion Europa beim Bayerischen Fernsehen und Vorstandsmitglied der Europäischen Akademie Bayern.

 

Zunächst stand die Frage im Raum, wie es überhaupt zu dieser – für viele doch überraschenden – Entscheidung für den Brexit kam: Frau Dr. Sully führte aus, dass die Mehrheit der Engländer schon immer eher rationale Gefühle gegenüber Kontinentaleuropa hegten. Zudem habe die britische Regierung im Vorfeld der Abstimmung sehr viele Fehler gemacht. Dazu käme, dass die Labour Party sich nicht klar positioniert habe. Darüber hinaus wurde die Kampagne der Brexit-Befürworter laut Sully als eine „Bewegung“ wahrgenommen, die positive Botschaften wie „Wir sind großartig und schaffen es auch alleine“ und eine generelle, typisch englische, Risikofreude repräsentierten. Schottland sei dagegen völlig anders kulturell geprägt, würde diese Risikofreude nicht teilen und hätte auch deshalb mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt.

 

Ein großes Problem sei Herrn Brösslers Meinung nach, dass im Vorfeld der Abstimmung viele Falschinfomationen in Umlauf gebracht und zudem der Eindruck erweckt worden sei, mit dem Austritt aus der EU werde sich kaum etwas ändern. Er sieht die Haltung Brüssels zum Brexit hierbei insgesamt sehr viel einheitlicher und übersichtlicher als die Londons.

 

Frau Dr. Sully betonte ebenfalls, dass bei einem Austrittsreferendum zum jetzigen Zeitpunkt das Ergebnis sicherlich nicht anders aussähe, auch weil der vorausgesagte Einbruch der britischen Wirtschaft so (noch) nicht eingetreten sei. Darüber hinaus gäbe es in der Bevölkerung kein großes Interesse an der Durchführung eines zweiten Referendums.

 

Auf die Frage, wann nun der Art. 50 des EU-Vertrags, der die Austrittsmodalitäten regelt, ausgelöst würde, erwähnte Frau Dr. Sully ein anhängiges Gerichtsverfahren in Großbritannien, dass die Beteiligung des Parlaments klären soll. Aus diesem Grund könne frühestens im Dezember mit dem offiziellen Austrittsgesuch gerechnet werden. Herr Brössler stellte dazu fest, dass das Drängen seitens der Staats- und Regierungschefs auf die Erklärung nach Art. 50 EUV eher externen als internen Gründen geschuldet sei: Bei wichtigen Wirtschaftspartnern der EU, wie China oder Japan, mache sich langsam eine Verunsicherung breit, wie es mit Großbritannien weitergehe. Zügige Antworten würden dazu erwartet. Wichtig sei in dem Zusammenhang auch, dass die Auslegung des Art. 50 EUV den Austritt aus der EU nicht attraktiv für andere Staaten machen wolle und den Austretenden somit in eine schwächere Position zwänge.

 

Das Podium beschäftigte sich auch mit der ungelösten Frage, dass Großbritannien zwar weiter Teil des Binnenmarkts sein wolle, aber die für die EU existentiell dazu gehörenden vier Grundfreiheiten nicht in Gänze akzeptieren wolle.

 

Herr Losher kam auf die Bedeutung eines Austritts für Deutschland zu sprechen: Mit Großbritannien fiele nicht nur ein Verbündeter Deutschlands in vielen wichtigen Fragen weg, sondern das relative Gewicht Deutschlands und damit die Verantwortung in der EU werde ebenfalls wachsen.

 

Frau Sully ging noch auf das Dilemma Schottlands ein: Der Wunsch nach einer Unabhängigkeit würde erst einmal zurückgestellt, da man das Ergebnis der Verhandlungen der britischen Regierung mit der EU abwarten wolle. Schottland möchte schließlich den Zugang zu beiden Binnenmärkten behalten: Zum britischen Binnenmarkt und zu dem der EU.

 

Die Podiumsteilnehmer betonten, dass sowohl die EU als auch Großbritannien durch den Austritt Schaden nähmen und „provinzieller“ würden.

 

Letztlich positiv an der Durchführung des Referendums sei immerhin, so Frau Dr. Sully, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger Großbritanniens über die EU informiert hätten und die Anberaumung und Durchführung des Referendums für die Demokratie insgesamt sehr positiv gewesen seien.

 

Viele Fragen wurden an diesem Montagabend beantwortet. Viele neue Fragen taten sich auf. Das Thema Brexit und die Folgen für Deutschland und Europa wird uns weiter beschäftigen.


28.06.2016 - "Flüchtlingskrise, Griechenland, GB-Referendum - Ergebnisse der Niederländischen Ratspräsidentschaft“

Am 28. Juni 2016 blickten wir in den Räumen der IHK für München und Oberbayern auf die Ergebnisse der Niederländischen Ratspräsidentschaft zurück. Gemeinsam mit der Europa-Union München und der IHK luden wir hierfür den Generalkonsul Peter Vermeij ein. Er erläuterte die Schwerpunkte sowie größten Herausforderungen des abgelaufenen Halbjahrs wie das EU-Türkei-Abkommen, Fortentwicklung des Binnenmarktes, Reform des Mehrjahreshaushalts und Folgen und Lehrendes Klimagipfels in Paris.

 

Darüber hinaus diskutierten wir nur wenige Tage nach dem historischen Referendum in Großbritannien Hintergründe der Entscheidung. Dr. Mathias Hauesler von der Universität Cambridge betonte, dass eine EU-kritische und populistische Presse in Großbritannien seit Jahren Stimmung gegen Brüssel gemacht habe. Bis zuletzt hätten trotzdem viele nicht an einen Erfolg des Referendums geglaubt. Tatsächlich sei das Votum überwiegend als Protestwahl gegenüber den eigenen Eliten zu verstehen. Grundsätzlich habe das Vereinigte Königreich jedoch schon immer Distanz zur EU und ihrem Einigungsprozess gewahrt.

 

In der anschließenden von Birgit Schmitz-Lenders moderierten Diskussion führte Herr Vermeij unter anderem aus, dass die alltägliche Arbeit der EU leider in der Öffentlichkeit kaum bekannt sei und es nicht gelänge, die guten Ergebnisse zu kommunizieren. Ebenso äußerten viele Teilnehmenden Ihre Besorgnis nach dem Brexit-Votum. Herr Dr. Hauesler und der Generalkonsul Vermeij konnten auf viele interessante Fragen und Anmerkungen eingehen und die Wichtigkeit der besonnenen Weiterarbeit in Europa betonen.


07.05.2016 - Birgit Schmitz-Lenders und die Europäische Akademie Bayern werden mit der Bayerischen Europa-Medaille ausgezeichnet

Einmal im Jahr zeichnet die Bayerische Staatsministerin für Europaangelegenheiten und regionale Beziehungen in der Staatskanzlei mit der „Medaille für besondere Verdienste um Bayern in einem Vereinten Europa“ aus.

 Dieses Jahr ehrte Dr. Beate Merk unter anderem die Akademieleiterin Birgit Schmitz-Lenders mit der Auszeichnung. Wir freuen uns sehr über diese Anerkennung unserer Arbeit und fühlen uns noch motivierter den Menschen Europa näher zu bringen!

 Die Medaille wurde am 07. Juni in den Bronzesälen in der Residenz München vergeben. Festredner war Bundesaußenminister a.D. Joschka Fischer, der an diesem Tag ebenso mit der Europa-Medaille ausgezeichnet wurde. Finden Sie hier die Pressemitteilung der Bayerischen Staatskanzlei mit der Auflistung aller diesjährigen Geehrten.


02.05.2016 - Start der Europawoche in Bayern: "Alte Liebe rostet nicht? – Das transatlantische Verhältnis zwischen USA und EU im 21. Jahrhundert“

Am 02.05.2016 startete in München die diesjährige „Europawoche in Bayern“ mit zahlreichen Veranstaltungen in verschiedenen Städten Bayerns zum Thema Europa. Gemeinsam mit der Bayerischen Staatskanzlei und der Vertretung der EU-Kommission in München veranstalteten wir mit Schülerinnen und Schülern des Albert-Einstein-Gymnasiums an diesem Tag Workshops zum transatlantischen Verhältnis zwischen den USA und der EU. Anschließend luden wir zusammen mit den Mit-Veranstaltern zu einer aufschlussreichen Podiumsdiskussion ins Prinz-Carl-Palais.


21.04.2016 - Veranstaltungsbericht zu "EUROPE after work - Fachgespräch zu Europa"

Die Vortragsreihe „EUROPE after work“ veranstaltet von der Europäischen Akademie Bayern, dem Informationsbüro des Europäischen Parlaments in München und der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit diskutiert im Expertenkreis die aktuellsten Fragen zu Europa. 

 

Mit dem historisch-politischen Fachgespräch mit Dr. Mathias Hauessler, University of Cambridge, zum Thema „Splendid Isolation – der britische Weg gestern und heute“ wurde am 21.4.2016 die Vortragsreihe im Informationsbüro des Europäischen Parlaments in München eröffnet. 

 

Dr. Hauessler legte den Fokus auf die historischen Zusammenhänge, die deutlich machen, warum die Haltung zu Europa und somit auch die Herangehensweise an Europapolitik in Deutschland und Großbritannien so unterschiedlich sind. Dabei wurden auch die bestimmenden Faktoren der aktuellen Debatten um den drohenden „Brexit“ diskutiert. Erkennbar wurde, warum Großbritanniens Verhältnis zu Europa in der über 60-jährigen Geschichte der Europäischen Integration stets von Unklarheit geprägt war und bis heute problematisch ist. 

 

Haeussler betonte die unterschiedlichen Ausgangspositionen nach dem 2. Weltkrieg im Hinblick auf die Europäische Integration. Großbritannien, vor allem transatlantisch und im Verbund des Commonwealth orientiert, sah zunächst keinen starken strategischen Vorteil in einer europäischen Gemeinschaftsorganisation. Für die sechs Gründerstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) hingegen, stellte die deutsch-französische Aussöhnung im Rahmen einer supranationalen europäischen Organisation mit möglichest enger wirtschaftlicher Bindung das Fundament für ein erfolgreiches europäisches Projekt dar. Großbritannien konnte bei der Gestaltung der EWG weder mitwirken noch gleichberechtigt mitentscheiden; somit war bereits in den 60er-Jahren die EWG auf deutsch-französische Bedürfnisse zugeschnitten. Bei den Debatten um eine britische Mitgliedschaft, stand für den damaligen deutschen Kanzler Helmut Schmidt das alles überragende außenpolitische Interesse Deutschlands an der europäischen Integration über dem Verständnis für die Interessen Großbritanniens. Diese Strukturen führten dazu, dass nach dem Beitritt unter dem konservativen Premier Edward Heath im Jahre 1973 - für die britische Politik ein „Notwendiges Übel - Großbritannien neben Deutschland als einziger Nettozahler galt. Die (davon unabhängigen) wirtschaftlichen Probleme Großbritanniens in den 70er Jahren trugen noch verstärkt zu der Entstehung einer starken europakritischen Haltung bei, welche bereits im Jahre 1975 zum ersten britischen Referendum zur In/Out-Frage führte.

 

Haeussler betonte die erstaunlichen Parallelen zwischen der politischen Taktik des damaligen Premiers Harold Wilson im Vorfeld des Referendums und dem Agieren von Premier David Cameron. Wie Cameron war Premier Harold Wilson für einen Verbleib in der EWG, musste jedoch den europakritischen Parteiflügel befrieden: Kleine Zugeständnisse im Vorfeld des Referendums wurden damals wie heute als großer Verhandlungssieg verkauft.

 

Die heutige Stay-In-Kampagne bediene sich laut Haeussler der deutlich rationaleren Argumente (v.a. Wirtschaft) als die stark emotional gestaltete Vote-Out Kampagne. Im Gegensatz zum ersten Referendum, in dem 67% der Briten für einen Verbleib stimmten, ist im Zusammenhang mit dem aktuellen Referendum der Großteil der heutigen Presselandschaft EU-feindlich. 

Haeussler machte deutlich, dass die Europäische Union in ihrer aktuellen Form und mit dem Ziel einer immer fortschreitenden Integration für Großbritannien keineswegs alternativlos sei; es bestünde eine Vielzahl an weiteren Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Die heutige Brexit Debatte ist daher ein Symptom des generellen Legitimationsproblems der Europäischen Union. Der Ausgang des Referendums ist demnach auch für Haeussler völlig ungewiss.


18.04.2016 - Veranstaltungsbericht zu "Polen zwischen Euroenthusiasmus und Nationalismus"

Nach der Parlamentswahl 2015 dominiert die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) weitgehend das politische Geschehen in Polen. Welche Gründe stecken hinter diesem Erfolg? Hat diese politische Neigung zum rechten Rand nur mit der Flüchtlingskrise zu tun oder spielen auch andere Faktoren, wie die sog. „Nationalmedien“ eine Rolle? Und vor allem: Ist durch die umstrittene Justizreform und das neue Mediengesetz Polens Rechtsstaatlichkeit in Gefahr?

 

Um diese gesellschaftlichen, politischen und verfassungsrechtlich umstrittenen Entwicklungen in Polen zu diskutieren, veranstaltete die Europäische Akademie Bayern in Kooperation mit der Georg Von Vollmar-Akademie am 18. April 2016 ein Podiumsgespräch im Eine-Welt Haus in München. Kontrovers diskutiert haben die Journalistin Agnieszka Hreczuk, Mittelosteuropa-Reporterin beim Tagesspiegel, Lukas Becht, Historiker an dem Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaften in Wien sowie Tomasz Zapart, Redakteur für deutsche und polnische Online- und Printmedien und freier Dozent in München. Die Moderation übernahm Birgit Schmitz-Lenders, Leiterin der Europäischen Akademie Bayern. 

 

Agnieszka Hreczuk berichtete von einem bisher nicht gekannten Ausmaß an Manipulation durch - und über - die polnischen staatlichen Medien (sog „Nationalmedien“), die eine massiv flüchtlingsfeindliche und anti-europäische Stimmung in der polnischen Gesellschaft erzeugen. Durch gezielte Instrumentalisierung von Bildern und eine fehlende Objektivität im gesellschaftlichen Diskurs entstehe eine Polarisierung der Bevölkerung, die ganze Familien und Freundeskreise zerreißt. In diesem Zusammenhang betonte Hreczuk jedoch auch, dass auch vor den Wahlen 2015 kaum von einer freien Medienlandschaft in Polen gesprochen werden konnte. Insbesondere beklagte Hreczuk, dass der jungen polnischen Erstwähler-Generation das Ideal einer pluralistischen Gesellschaft mit demokratischen, westlichen Werte fehle, weil diese Generation – die nach der politischen Wende 1989 geboren ist - nicht um diese Freiheiten und Werte kämpfen musste.

 

Diesem eher pessimistischen Bild Hreczuks stellte Tomasz Zapart einige ergänzende, deutlich positivere Eindrücke der Entwicklungen in Polen entgegen. Im Gegensatz zu Russlands Medienlandschaft seien immer noch ca. 70 Prozent der polnischen Medien privat und unabhängig; daher gäbe es ausreichend Möglichkeiten auch kritische Meinungen zu hören. Dennoch betont Zapart die Vielschichtigkeit und rechtlich unübersichtliche Situation in der Justiz- und Medienreform, die eine Instrumentalisierung der Debatte begünstige. Der Erfolg der PiS Partei kam Zaparts Meinung nach kaum überraschend und liege vor allem in der strategischen Themensetzung Kaczyńskis (Schwerpunkt Wirtschaft) und in der hohen Volatilität der polnischen Wählerschaft begründet. Viel komme nun darauf an, ob und inwieweit Kaczyński nach ungarischem Vorbild das Wahlrecht reformiere. Die Gefahr einer außenpolitischen Orbán-Kaczyński Koalition sieht Zapart jedoch nicht, da die Positionierung gegenüber Russland sehr unterschiedlich ist.

 

Lukas Becht sieht den Erfolg der PiS Partei in einer wirtschaftlichen Unzufriedenheit sowie einer politischer Unzufriedenheit der polnischen Bevölkerung begründet. Vor allem bei jungen Menschen sei das Gefühl vorherrschend, vom wirtschaftlichen Aufschwung der Transformationsphase abgehängt und von der politischen Elite vergessen worden zu sein. Die Angst vor dem Verlust des eigenen Landes ist aus historischen Gründen tief in der polnischen Gesellschaft verankert. 

In der anschließenden Fragerunde wurde des Weiteren über die juristischen Feinheiten der Justizreform, die Positionierung der polnisch-katholischen Kirche in der Flüchtlingsfrage sowie über die vermeintlich starke Fremdenfeindlichkeit in der polnischen Gesellschaft diskutiert.

 

Die Podiumsdiskussion trug zu einem deutlich differenzierteren Bild der polnischen Gesellschaft und aktuellen politischen Entwicklungen bei. Ein reines „Schwarz-Weiß-Denken“ geht an der Wirklichkeit vorbei.


29.02.2016 - Feier zum 40-jährigen Bestehen der Akademie

Am 29.02.2016 feierten wir im Kaisersaal der Residenz München mit zahlreichen Partnern, Mitgliedern, Förderern, Freunden und Unterstützern 40 Jahre europapolitische Bildungsarbeit der Akademie. In Ihren Reden lobten die Vorsitzende und Europaministerin Dr. Beate Merk und der stellvertretende Vorsitzende Dr. Linus Förster, MdL, die Arbeit unseres Hauses und richteten den Blick nach vorne: Gerade in krisenhaften Zeiten wird europapolitische Bildungsarbeit mehr denn je gebraucht. Die Akademieleiterin Birgit Schmitz-Lenders rekapitulierte in Ihrer Ansprache die bewegte Geschichte der Akademie und hob hervor, dass heute die Anfrage nach Seminaren noch nie so groß war.

 

Beim anschließenden Empfang ließen wir den „Leuchtturm der demokratischen Bildung, der Teilhabe und des Engagements für Europa“ (Europaministerin Dr. Merk) gebührend feiern. Wir danken allen Organisatoren und Teilnehmenden, die diesen Abend zu einem vollen Erfolg gemacht haben und freuen uns auf die nächsten 40 Jahre Bildung für Europa!

 

Hier finden Sie die Pressemitteilung der Bayerischen Staatskanzlei anlässlich des Festakts.


05.02.2016 - Zahlen zum Jahresbericht 2015

Die Zahlen liegen mittlerweile vor:

2015 haben wir einen Rekord von 272 Veranstaltungen durchgeführt mit über 9100 Teilnehmenden!
(Zum Vergleich: 2014 waren es 186 Veranstaltungen mit ca. 5900 Teilnehmenden.)


Wir bedanken uns bei allen Kooperationspartnern, die uns hierbei unterstützt haben und natürlich bei allen Teilnehmenden, die dabei waren. Das Jahr 2016 hat schon gut für uns begonnen und wir freuen uns auf viele weitere Seminare in den kommenden Monaten.


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